Inflationärer gebrauch des Wortes „Antisemitismus“

Antisemitismus – dieses Wort hört man leider viel zu oft in Diskussionen. Ein kritisches Wort über dir Regierung in Israel und schon ist man ein Antisemitist. Ein Totschlagargument, was nicht nur dazu führt, dass die Diskussion ein sofortiges Ende findet, sondern auch dazu, dass die Gesellschaft abstumpft, und sie wirklichen Antisemitismus nicht mehr erkennt, weswegen sie sich diesem nicht mehr entgegen stellen kann.

Das die Diskussion ein schnelles Ende nimmt ist traurig, denn dadurch entgeht einem auch die Möglichkeit, dem Gegenüber nachzuweisen, dass die Meinung falsch ist oder eben die Chance, dessen Argumente auf wahre Aussagen zu prüfen. Es gibt Menschen, die lehnen jegliche Äußerung über Israel ab. Es ist nicht möglich auf einzelne Dinge kritisch einzugehen, ohne gleich als Antisemitist betitelt zu werden – selbst Ironie oder Satire ist nicht möglich. Alle kritischen Äußerungen werden einem so ausgelegt, als ob man gegen die Existenz des Staates Israels wäre oder sogar gegen die Existenz der jüdischen Religion.

Beides stimmt aber nur in den seltensten Fällen und hier kommen wir dann auch zum zweiten Punkt.

Um so häufiger man das Wort verwendet, um so häufiger man es anderen an den Kopf wirft, desto abgestumpfter wird die Gesellschaft. Sie wird irgendwann nicht mehr auf die Vorwürfe achten, weil sie viel zu oft gemacht wurden. Und dadurch entsteht dann die wirkliche Gefahr, denn dann ist dem wahren Antisemitismus Tür und Tor geöffnet.
Sie ist es jetzt schon, denn wenn 30 Antisemitismus-Vorwürfe im Raum sind und sich 20 davon als lächerlich herausstellen, wer überprüft dann noch die restlichen 10? Und genau dort könnte dann ein wirklicher Antisemit versteckt sein, der mit seinen Äußerungen dann durchkommt und der seine Meinungen dann dadurch bestätigt sieht.

Wir müssen wegkommen davon, jegliche Kritik gegen die Regierung in Israel abzulehnen. Man wird uns Deutschen immer unsere grausamen Verbrechen vorhalten. Und die Erinnerung daran ist gut – so hoffe ich mindestens – denn sie verhindert, dass es solche Verbrechen jemals wieder geben wird. Aber auch gerade weil wir diese Vergangenheit haben, haben wir die Pflicht, kritisch darauf hinzuweisen, wenn sich eine Regierung in die falsche Richtung bewegt. Oder um es mit Johannes Rau zu sagen:

Nur wenn wir in dieser Welt gemeinsam leben, Hass abbauen und Freundschaften schließen – nur dann hat diese Welt eine Zukunft.


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